Zu Besuch bei MfM in Äthiopien 2016

 

01.02.16  |  Tag 1

Reise ins Projektgebiet Borena

Neun Stunden Autofahrt liegen vor uns. Wir werden von unseren Fahrern Mekonne und Aklile in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, abgeholt. Die Reise geht ins äthiopische Hochland und bereits auf der Strecke können wir erkennen, wie trocken und baumarm die Gegend ist. Auch die großen Erosionsflächen, die den Menschen hier viele Schwierigkeiten bereiten, stechen uns sofort ins Auge. Dennoch sind wir beeindruckt von der Landschaft, die sich uns bietet.

Die Bauern erkennen die „Menschen für Menschen“-Aufkleber auf unseren Autos und winken uns freudig zu, wenn wir vorbeifahren. Viele Kinder kommen extra zur Straße gelaufen.

Bei Mekane Selam angekommen beziehen wir unsere Zimmer in einem der Gästehäuser von MfM. Dort werden wir für die nächsten Tage untergebracht sein.

 

02.02.16  |  Tag 2

Projektbesichtigungen in Borena

Am Morgen lernen wir den Äthiopier Adane Nigus kennen. Er ist der Projektleiter in diesem Gebiet und wird uns alles zeigen. Auch das restliche Team besteht ausschließlich aus Äthiopiern, die von MfM angestellt sind.

 

Wir fahren über holprige, steinige Straßen zu einem wunderschönen Aussichtspunkt. Hier befindet sich ein kleines Dorf, in dem schon viele Projekte gestartet wurden. Zum einen wird hier Aufforstung betrieben, zum anderen erleichtert ein neugebauter Brunnen vor allem den Frauen den Alltag. Zuvor mussten sie 3km bis zur nächsten Wasserquelle den Berg hinab und anschließend mit 20l Wasser die Steigung wieder hinauf laufen.

 

Man zeigt uns neue, von MfM entwickelte Öfen, die für weniger Rauch innerhalb der Hütten sorgen und sie kommen mit deutlich weniger Holz aus, was sehr wichtig ist, denn in Äthiopien ist Holz ein teures und rares Gut. Die Frauen kochen nun auch in separaten Hütten, um den Rauch aus den Wohnräumen fernzuhalten. Die Haupthütte besteht aus einem Schlafzimmer und einem Vorraum, der sowohl als Speise-, als auch Gästezimmer genutzt wird.

Manche Familien pflanzen auf ihren Höfen Äpfel und Kartoffeln an und halten sich Bienen oder Hühner. Die erwirtschafteten Produkte können sie auf dem Markt zu guten Preisen verkaufen. Zu diesem Zweck wurden Bewässerungsrinnen gegraben, die die Felder der Farmer mit Wasser versorgen.

 

Wir fahren weiter in den nächsten Ort. Auch hier werden wir neugierig begrüßt, vor allem von Kindern, die bei unserem Anblick große Augen machen. Touristen kommen nicht oft in diese Gebiete. Erst seit vier Jahren führt eine steinige Straße hierher, vorher war das Dorf komplett abgeschieden.

Wir bekommen Lunch im Restaurant einer jungen Äthiopierin. Sie ist eine Kreditnehmerin von MfM und hat sich mit diesem Geld selbstständig gemacht. Kredite können nur von einer Gruppe von 5-6 Frauen beantragt werden, die füreinander einstehen. Jede kann ihre eigene Geschäftsidee verfolgen, geht jedoch eine von ihnen bankrott, müssen die anderen Frauen für sie einstehen. Auf diese Weise werden die Rechte der Frauen in vielerlei Hinsicht gestärkt: Sie sind nicht zu einer frühen Heirat gezwungen, da sie auf eigenen Füßen stehen können, sie genießen größeres Ansehen und haben mehr Rechte.

Im Ort befindet sich auch eine Schule, die Platz für 1500 Schüler aus der Region bietet. 30 Lehrer unterrichten dort 50 Schüler pro Klasse.

Es gibt hier auch eine Baumschule mit Arbeitern aus dem Dorf, die ihr Gehalt von MfM beziehen. Pro Jahr werden 700 000 Setzlinge produziert, die zur Aufforstung genutzt werden, vor allem um die gefährlichen Erosionen zu stoppen. Jedes Stück Farmland ist kostbar. Geht der Grund durch Erosionen verloren, ist die Existenz massiv bedroht. Verliert ein Farmer sein Land, gibt keinen Ersatz, denn alles Farmland ist in Privatbesitz und der Staat kann keine finanzielle Hilfe leisten. Auch sogenannte „Gabionen“ (Steinmauern in Drahtgittern) werden zusammen mit den Dorfbewohnern verbaut, um das herabfließende Wasser in der Regenzeit abzubremsen und Erdrutsche aufzuhalten.

Am Ende des Tages sind wir vor allem von der Aufgeschlossenheit der Bevölkerung begeistert. Sie zeigen uns bereitwillig alles, was sie schon geschafft und gelernt haben. Auch wenn die Kommunikation nur über Adane, der für uns übersetzt, funktioniert, geben sie gerne Auskunft. Überall wo wir auftauchen, sind wir schnell von einer Menschenschar, darunter zahlreiche Kinder, umgeben, die uns zunächst scheu, aber bald sehr neugierig folgt. Besonders die Kinder lassen sich dann gerne fotografieren und freuen sich, wenn man ihnen das entstandene Bild auf dem Display zeigt.

 

03.02.16  |  Tag 3

Ein Stück Garten Eden

Auch heute brechen wir früh auf. Es geht zu einem Bewässerungssystem, dass 2012 von MfM installiert wurde. Das Wasser eines nahegelegenen Flusses wird gestaut und speist die Leitung zu nahegelegenen Feldern. Es ist ein richtiger Garten Eden in der sonst so braunen und kargen Landschaft. Wir sind beeindruckt, was man mit Fleiß und etwas Wasser schaffen kann, besonders ohne landwirtschaftliche Geräte, wie wir sie kennen. Die Farmer müssen sich das Wasser jedoch gut einteilen und haben zu diesem Zweck einen klaren Plan aufgestellt, wer wann den Zulauf nutzen darf.

Wir besuchen später zwei Schneiderinnen. Eine ist Witwe mit drei Kindern, die sich im „Witwenprogramm“ von MfM befindet. Sie hat an einer dreimonatigen Schulung teilgenommen, einen Kredit erhalten und erarbeitet sich nun den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder. An einem Tag schafft sie einen ganzen Anzug, hauptsächlich näht sie jedoch Schuluniformen. Die zweite Schneiderin ist ein junges Mädchen – auch sie hat die Ausbildung absolviert und arbeitet täglich an den erhaltenen Aufträgen, ohne einen Ruhetag oder Wochenende.

Ein gutes Stück entfernt treffen wir zwei Apfelfarmer. Hier gibt es jedoch noch keine Straße, so dass wir die Autos stehen lassen und über die Felder zu den Höfen laufen müssen. MfM hat Apfelbäume erst vor einiger Zeit bei einigen Farmen eingeführt und die meisten Äthiopier kennen diese, für sie exotische Frucht noch nicht. Der erste Farmer spricht sehr gut englisch und erklärt uns voller Stolz alles, was wir wissen wollen. MfM schulte ihn und stellte die Setzlinge zur Verfügung. Sein Hof verfügt leider nicht über einen Wasserzulauf, also muss er täglich Wasser von der benachbarten Farm holen und trägt Gießkanne um Gießkanne. Jedes der ca. 30 Bäumchen braucht einmal am Tag 25 Liter Wasser! Nun verdient er jedoch gut. Zweimal im Jahr wird geerntet und auf dem Markt erzielt er gute Preise. Auch der zweite Farmer zeigt uns bereitwillig, was er schon geschafft hat. Er ist der Nachbar, der Wasser hat und kann deshalb auch Gemüse anpflanzen.

Diese beiden Männer waren die ersten Apfelbauern in der Region und werden „Modellfarmer“ genannt, da ihre Arbeit als Vorbild dient. Mittlerweile bilden sie weitere Farmer aus und geben ihr Wissen weiter, so dass bereits zehn weitere Apfelfarmen entstanden sind.

Zum Abschluss besuchen wir noch eine Familie, die uns stolz ihre LED-Glühbirne zeigt, mit der sie ihre Hütte beleuchten kann. MfM setzt stark auf regenerative Energien; so wird auch diese Leuchte über eine Solarzelle auf dem Dach betrieben, die sich die Familie selbst gekauft hat.

 

04.02.16  |  Tag 4

Schuleinweihung

Heute dürfen wir an der Schuleinweihung des zweiten Schulgebäudes, das durch Spendengelder des Circus Sambesis finanziert wurde, teilnehmen. In einem Konvoi brechen wir vormittags auf zur Schule. Als wir dort ankommen, empfängt uns eine Menge singender und tanzender Jungen und Männer. Sie begleiten uns durch das Spalier, das die Schüler gebildet haben. Vor dem Eingang zum Schulgelände stehen die Mädchen und Jungen aufgereiht und klatschen im Rhythmus der Musik. Vor dem Eingang angekommen, dürfen Karl und Patricia feierlich das Band durchschneiden und anschließend betreten wir gemeinsam das Schulgelände

Zusammen mit Schülern, Lehrern, Eltern, Politikern und Mitarbeitern von Menschen für Menschen bewegen wir uns zur Mitte des Platzes, wo unter Bäumen Bänke und Stuhle aufgebaut worden waren. Wir dürfen hinter einem langen Tisch Platz nehmen und die Festgemeinde platziert sich um uns herum. Es folgen Reden der Lehrer, des Dorfältesten und des Gouverneurs der Bezirksverwaltung. Sie begrüßen uns und erzählen von Menschen für Menschen. Adane, der Leiter des Projektgebiets übersetzt für uns. Als besondere Würdigung erhält jeder von uns ein traditionelles Gewand: Die Männer Decken, die Frauen Kleider mit Tüchern. Das gefällt besonders den Schülern, da wir doch eigentlich so anders aussehen. In einer kurzen Rede erklärt Patricia, warum wir heute da sind, was der Circus Sambesi macht und woher das Geld für ihre neue Schule kommt. Auch hier übersetzt Adane für die Bevölkerung, von denen kaum jemand Englisch verstehen kann.

Im Anschluss betreten wir eines der Klassenzimmer, in dem die Schüler der 8. Klasse schon bereit sitzen, alle in ihre Schuluniform gekleidet. Jede Klasse besteht auch hier aus ca. 50 Schülern, die von Lehrkräften in verschiedenen Fächern unterrichtet werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungsländern herrscht in Äthiopien Schulpflicht.

Nach der Besichtigung der Schulgebäude gibt es noch ein kleines Festessen mit traditionellen Gerichten und einer Teezeremonie. Ein Musiker begleitet die Feier, und so endet sie mit Tanz und Fröhlichkeit.

Wir verabschieden uns und gehen mit einem sehr guten Gefühl. Es war ein eindrückliches Erlebnis mit aufgeschlossenen und kontaktfreudigen Äthiopiern.


→ Videozusammenschnitt unter "Videos"

→ weitere Fakten zur Schule unter "Circus Sambesi Schulen"

 

05.02.16  |  Tag 5

Almaz Stairs

Wir verabschieden uns vom Projektgebiet Borena und brechen auf nach Meragna. Auf der Fahrt machen wir Halt bei den Almaz Stairs: Über 800 Stufen, die steil nach unten ins Tal führen. Bis vor ein paar Jahren gab es hier nur einen gefährlichen Pfad, der für Mensch und Tier schwer zu passieren war. In drei Jahren schlug MfM, zusammen mit der Bevölkerung, Treppen in den Stein und sicherte diese mit einem Geländer ab.

Auch wir gehen den Pfad nach unten und gelangen zu einem beeindruckenden Kloster, das in einer Felsnische vor über 800 Jahren errichtet wurde. Noch immer leben hier Mönche und Kirchendiener, die Gottesdienste abhalten für diejenigen, die den Weg hierher finden.

 

06.02.16  |  Tag 6

Rückreise

Es geht zurück nach Addis Abeba. Auf dem Rückweg besuchen wir in Lemi die Wusha Gedel Stairs, die einen Bergpass leichter passierbar machen. Zwei kleine Jungs behalten uns neugierig im Auge und haben Spaß, sich von uns fotografieren zu lassen. Zum Abschied schenken wir den beiden noch Äpfel, die sie mit großen Augen anschauen. Unser Fahrer Aklile erklärt ihnen in ihrer Sprache, was es mit diesem Obst auf sich hat und wie man sie essen muss, denn die beiden haben noch nie einen Apfel gesehen.

Nach fünf Stunden Fahrt sind wir zurück in der Hauptstadt, vollgefüllt mit Eindrücken einer bewegenden Woche. Wir sind wieder bestärkt in unserem Tun und darin, dass wir eine Organisation unterstützen, die sinnvolle Entwicklungshilfe leistet, Hand in Hand mit der Bevölkerung. Hier arbeiten Äthiopier für Äthiopier und lernen gemeinsam die kargen Ressourcen des Landes besser zu nutzen und die Lebensbedingungen vieler Menschen zu verbessern.